Die ewig Gestrigen und der Wert des Bewährten

Kaum jemand, der beim Schwelgen in Erinnerungen nicht sentimental wird. Das Vergangene beschäftigt uns häufig mehr als die Zukunft und Veränderungen wird mit Skepsis begegnet. Das ist in vieler Hinsicht auch gut und sinnvoll. Doch wenn moderner Technik ein nostalgisches Flair verpasst werden muss, damit sie von den Verbrauchern akzeptiert wird, dann stimmt doch etwas nicht.

Zugegeben es fasziniert mich jedes Mal wieder, wenn ich eine alte Leica, Contax oder Rollei in die Hand nehme.  Die präzise Verarbeitung, das viele Erinnerungen heraufbeschwörende Design, die gelernte Handhabung: All das löst Begeisterung aus. Andererseits empfinde ich es jedoch fast schon als ärgerlich, wenn Kamerahersteller bewusst moderne Technik in ein altmodisches Design verkleiden, das sie dann klassisch oder zeitlos nennen. Verständlich ist das noch als Gag, wie es die Minox Miniaturisierungen klassischer Kameras betreiben. Aber wenn Hebel, Räder und Knöpfe wie sie selbst Traditionsunternehmen wie Leica bei ihren modernen Geräten kaum noch verwenden als Retro-Design gefeiert werden, dokumentiert das höchstens eine irrationale Sperre, sich mit etwas Neuem anzufreunden. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum etwas Modernes alt aussehen muss, um wertvoll zu erscheinen.

Die Motivation von Sammlern klassischer Kameras, alter Gemälde oder Antiquitäten, die sich an der Perfektion früher Technik, Mode-  oder Designtrends erfreuen lässt sich einfach nachvollziehen, die künstliche Patina moderner Gadgets wie Digitalkameras eher nicht.

Doch die sentimentale Sehnsucht nach dem Gestern betrifft nicht nur die Kameras. Möbel, Küchengeräte und viele andere Gegenstände des täglichen Lebens, mit denen sich Menschen umgeben, sind künstlich auf alt getrimmt.

Es muss die Entwicklungsingenieure in den Forschungslaboren der Kamerahersteller doch jedes Mal wieder frustrieren, wenn ihnen die Marketingfachleute den Wunsch näher bringen, ihre neuesten Errungenschaften doch bitte möglichst alt aussehen zu lassen. Als könne man da nicht gleich bei der bewährten Produktlinie bleiben.

Schlimmer noch ist der Boom von Apps und Bildbearbeitungsprogrammen wie Hipstamatic, das oder Aufnahmen künstlich alt aussehen lässt oder wenn plötzlich iPhone Besitzer anfangen ihr Telefon zu schütteln, um möglichst authentisch den Entwicklungsprozess einer Polaroid Sofortbildaufnahme suggeriert zu bekommen. Verstehen sie mich nicht falsch: Auch ich kann mich daran begeistern. Aber sie sind ein netter Effekt, der sich mit der Zeit abnützt und exzessiv ausgeübt merkwürdige Folgen nach sich ziehen könnte.

Nicht auszudenken die Vision, wie sie Michèle Roten im Süddeutsche Magazin vom 5. August 2011 schilderte, wo sie beklagte, dass die Fotos im Internet ja keine Patina mehr erhielten, dafür aber von Anfang an als Hipstamatic Bilder wie von gestern aussähen. Angesichts der Begeisterung für künstlich auf altgetrimmte Bilder meint sie  „… man fühlt sich hoffnungslos altmodisch, wenn man überhaupt noch Fotos macht, die neumodisch aussehen…Aber wenn das erwachsene Kind irgendwann in der Zukunft Bilder seiner Großeltern, als sie dreißig waren und seiner Eltern als sie dreißig waren vergleicht und die Fotografie gleich anmutet, dann werden wir uns ziemlich blöd vorkommen.“

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