Investitionssicherheit beim Kamerakauf

Die Entscheidung für ein Kamerasystem ist, zumindest für Hobbyfotografen, die sich ihre Ausrüstung nach und nach zusammensparen, eine Wette auf die Zukunft. Bei der hohen Innovationskraft der Fotoindustrie, die nahezu im Halbjahresrhythmus neue Produkte auf den Markt wirft, muss sich der Einsteiger in ein Aufnahmesystem fragen, wie zukunftssicher seine Investitionen sind, ob es die Marke für die er sich entschieden hat auch in zwei Jahren noch geben wird und ob die Grundbausteine, die er erworben hat auch noch mit den zu erwartenden Geräten der Zukunft kombinierbar sein werden.

Um es vorweg zu nehmen: Heute voraus zu sagen, welchen Kamerahersteller es in fünf Jahren noch als eigenständiges Unternehmen geben wird, heißt im Kaffeesatz der Fotoindustrie zu lesen. Kameras, Objektive und Zubehör werden von den Großen der Branche schon lange nicht mehr aus Leidenschaft zur Fotografie und mit dem Wunsch ihre Möglichkeiten zu erweitern entwickelt und vermarktet, sondern wie alle anderen Produkte des Alltags auch, um möglichst viel Geld damit zu verdienen. Visionäre sind nicht nur in der Fotobranche kaum noch zu finden und seit der iGod zurücktrat auch in anderen Branchen kaum noch medienwirksam präsent. Spätestens nach dem folgenreichen Ausspruch des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt, „wer Visionen hat soll zum Arzt gehen!“ werden Visionäre leichtfertig als wirklichkeitsfremde, krankhafte Spinner abgetan. Weitreichende Ideen, die vielleicht erst in ferner Zukunft Erfolg versprechen, werden von den Unternehmen, die auf kurzfristige Gewinne achten müssen, um ihre Aktionäre und nicht die Verbraucher langfristig zufrieden zu stellen, kaum noch in Angriff genommen.  Die Bemerkung „sehr kreativ“  des Chefs als Reaktion auf einen Mitarbeitervorschlag : ein todsicherer Ideenkiller.

Statt ihre eigenen Wege zu gehen, zieht es alle auf die ausgetretenen Trampelpfade, getreu dem Motto: „Das haben wir immer so gemacht“ oder „das hat noch nie etwas gebracht“. Selbst einige der wichtigsten Innovationen der Fotografie der letzten Jahre wurden so begrüßt.  Unisono plärrten die Ewiggestrigen, dass die Digitalfotografie nie die Qualität des Films erreichen würde und auch als sie sich endgültig durchgesetzt hatte, wurde ihre, die Grenzen sprengenden Innovationen nicht nur skeptisch betrachtet, sondern von den meisten abgelehnt. Da Menschen gern in ihren Gewohnheiten und dem einmal Gelernten verharren, stemmen sie sich so häufig, vielleicht auch unbewusst, gegen mögliche Veränderungen. Die romantische Verherrlichung des Gewohnten, Althergebrachten ist die größte Sperre gegen den Fortschritt. Das hat beispielsweise die einst bedeutendste Kameramarke der Welt „Leica“ in der Vergangenheit in Bedrängnis gebracht. Auch dort hat man nicht wahr haben wollen, dass  sinnvolle Innovationen sich auf Dauer stets durchsetzen und das anfänglich nicht ganz ausgereifte Techniken, dennoch verfolgt werden müssen, wenn sie auf Dauer einen Verbrauchernutzen versprechen.
Nur so ist zu erklären, warum Innovationen in der Fotografie so lange brauchen, um zum Zug zu kommen und dass diejenigen, die am Anfang nicht mitgezogen haben, häufig auf der Strecke bleiben. Es war ein langer Weg von der integrierten Belichtungsmessung einer Kamera bis zur intelligenten Programmsteuerung, von den ersten AF-Versuchen bis zum AF-Tracking mit Gesichtserkennung, von der Gesichtserkennung bis zur Motividentifizierung.
Immer wieder bejubeln Nostalgiker klassische Designzitate im Kamerabau mit Knöpfchen Tasten und Hebeln als Großtat, während innovative Elemente wie Touchscreen – nicht nur beim iPad und iPhone als ausgereiftes Bedienkonzept gefeiert – als praxisfern gegeißelt werden. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Was ist einfacher als auf den Bildschirm zu tippen, damit die Kamera auf das Detail scharfstellt, belichtet und auslöst? Oder wenn durch Fingerzeig bei Filmaufnahmen Anfangs- und Endpunkt der Zoomverstellung festgelegt wird? Wenn sich im elektronischen Sucher oder auf dem Display die Auswirkungen der Voreinstellungen schon vor der Aufnahme simulieren lassen. Und trotzdem gibt es noch immer Verfechter optischer Sucher.
Mit dem Einzug der spiegellosen Systemkameras hat die Fotoindustrie die bisher wichtigste Innovation seit dem Siegeszug der Digitalkameras geschaffen. Auch wenn Canon und Nikon noch zögern, wird dieser Kategorie die Zukunft gehören. Wer heute in ein Kamerasystem investiert sollte sich fragen, welche Technik zukunftssicher ist. Die größte Flexibilität auch hinsichtlich der kreativen Möglichkeiten bieten derzeit die spiegellosen Systeme. Trotz modernster Technik gestatten sie auch den Anschluss vorhandenen, älteren Zubehörs wie Objektive oder auch Blitzgeräte. Sie vereinen modernste Foto- und Videotechnik in höchster Qualität. Selbst im professionellen Bereich werden sie nur noch von Kameras mit Mittelformatsensoren übertroffen. Die SLR-Kategorie ist tot, so lieb wir sie auch gewonnen und wie sehr wir uns an sie als das bevorzugte Medium zur Realisation unserer kreativen Vorstellung gewöhnt haben.
Und noch ein kleiner Nachsatz zur Zukunftssicherheit von Kamerasystemen: Längst ist es selbstverständlich geworden, einige Funktionserweiterungen neuer Modelle teilweise durch Firmware-Updates  auch älteren Kameras zu erschließen. Warum aber gibt es noch immer keine APPs, die individuelle Filter, Belichtungskombinationen, HDR-Belichtungsreihen, Fokusserien, Mehrfachbelichtungen oder Bildüberlagerungen und Ähnliches ermöglichen. So könnte jeder die Funktionalität seiner Kamera so ausbauen, wie es seinen kreativen Ansprüchen entspricht. Aber vielleicht sollte ich bei derartigen Visionen doch auch lieber zum Arzt gehen.

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