Wenn Fotos wehtun (müssen)

Vernissage der Ausstellung Last Paradise von Ekaterina Sevrouk. Kurator Klaus Tiedge, Ekaterina Sevrouk und Christian Schulz.

Gute Fotos müssen nicht schön sein und schöne Fotos nicht gut.  Die Fotos von Ekaterina Sevrouk sind auf den ersten Blick von einer verstörenden, nahezu manierierten Schönheit,  die das Herz zusammenkrampfen lässt.  Ihre Buntheit wirkt fast marktschreierisch und das ist auch angemessen. Es sind Trauerbilder: Fotografien ausgestopfter Tiere, deren Arten vom Aussterben bedroht sind.

 

Foto aus der Serie 'Last Paradise' von Ekaterina Sevrouk in der Leica Galerie Zingst

Kaum eine Ausstellung während des diesjährigen Umweltfotofestivals ‚horizonte zingst‘ hat so polarisiert wie die knallbunten Fotografien von Ekaterina Sevrouk  in der Leica Galerie im alten Zingster Bahnhof. Keine war besser gehängt und keine hatte so optimale Räumlichkeiten wie diese. Hatte man die seltene Gelegenheit, allein die Kabinettausstellung zu betreten, umschlich den Besucher das Gefühl, das Mausoleum  einer sterbenden Tierwelt zu betreten. Die in höchster Perfektion mit der Leica S Mittelformatkamera aufgenommenen wilden Tiere, hatte die Fotografin in verschiedenen Naturkundemuseen gefunden, die sie als wertvolle Erinnerungen an eine vom Menschen dezimierte Artenvielfalt sorgsam hüten.  Verblüffend und verstörend zugleich war die technische Perfektion der Aufnahmen, die jedes Detail im Fell der Tiere  sichtbar werden ließ und die ebenso perfekten, aufwendigen Blumenarrangement, die den Eindruck entstehen ließen, die Tiere seien mit großem Pomp aufgebahrt worden. Unterstrichen wurde der Kontrast  von Trauergestecken und  den fast lebendig wirkenden Wildtieren durch die leuchtenden, satten Farben der Abzüge, die im Chromaluxe-Verfahren hergestellt worden sind, das  die rahmenlosen Bilder noch bunter und farbenprächtiger wirken ließ.

Ekaterina Sevrouk Last Paradise in der Leica Galerie Zingst

Der Pomp um die toten Tiere rückte mit seinen schrillen Tönen unübersehbar und mit schmerzender Eindringlichkeit  das drohende Ende ihrer Spezies in den Blick und trifft bis in die Seele der Betrachter. Darin liegt vermutlich auch der Grund, dass sich so Manche lieber abwenden würden, die Bilder ablehnten  und sich davon sogar abgestoßen fühlten. Der Weckruf von Ekaterina Sevrouk war alles andere als dezent. Er ist ein Fanal, das ins Herz  trifft. Durch seine fotografische  Kraft und  dem Kontrast zwischen dem wahren Elend der aussterbenden Tiere und den prunkvoll  inszenierten  Beerdigungsriten  lässt den Gedanken an einen  niedlichen „Friedhof der Kuscheltiere“  erst gar nicht aufkommen.  Die knallbunten Trauerinszenierungen mahnten die Betrachter, dass dies Spezies vermutlich bald nur noch dort zu finden sein wird, wo Ekaterina so  aufmerksamkeitsstark fotografiert hat: als Präparate in Naturkundemuseen. Ekaterinas Fotos sollen nicht gefallen. Sie sollen aufrütteln und wehtun. Sie sind ein erster Schritt der notwendigen Trauerarbeit zur Überwindung des Verlustes an Schönheit in unserer Welt.  Sie tun weh. Sie  sollen wehtun und sie müssen wehtun.

 

This entry was posted in News. Bookmark the permalink.